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Gedanken zu Ruhe und Aktivität

Verfasst: Mo 29. Jun 2009, 12:15
von Sunny
Ich fand diesen Artikel aus M.Giengers letztem Newsletter
auch interessant und habe ihn daher mal für Euch reingesetzt,
da auch Beispiele für steinige *Unterstützung* genannt werden.

GEDANKEN ZU RUHE UND AKTIVITÄT

"Was schrumpft, muß sich zuvor dehnen.
Was abnimmt, muß zuvor stark sein.
Was niedergehalten wird, muß sich zuvor erheben.
Vor dem Empfangen muß erst das Geben da sein.

Dies wird die Wahrnehmung des Wesens der Dinge genannt.
Das Weiche und Schwache überwindet das Harte und Starke."

Lao Tse, Tao Te King (36)

Wir erleben die Welt in Gegensätzen. Helleres wird nur im Kontrast zu
dunklerem wahrnehmbar, wärmeres nur im Kontrast zu kälterem. Die
chinesische Philosophie des Taoismus spricht hier von den Gegensätzen
"Yin & Yang", die uns inzwischen auch im Westen geläufig und
insbesondere durch die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
wohlbekannt sind.

Dennoch mißverstehen wir die wahre Natur dieser Gegensätze durch
unser westlich geprägtes Denken häufig. Wir sind es z.B. gewohnt, den
einen Gegensatz schlicht als "Abwesenheit des anderen" zu definieren.
So ist "Kälte" für uns schlicht die "Abwesenheit von Wärme". Doch das
ist bei genauerem Hinsehen nicht ganz korrekt. Denn in diesem Fall
müßten wir eine bestimmte Temperatur immer ähnlich empfinden. 15° C
am Morgen fühlen sich aber interessanterweise meist viel wärmer an,
als 15° C am Abend. Das liegt daran, daß wir am Morgen die Zunahme
der Energiequalität "Wärme" registrieren (und uns darauf einstellen),
während wir am Abend die Zunahme der Energiequalität "Kälte"
registrieren (und uns darauf einstellen). Entsprechend ist unser
Erleben derselben Temperatur unterschiedlich.

In der chinesischen Philosophie und Medizin werden "Wärme" und
"Kälte" als zwei gegensätzliche, aber eigenständige Energiequalitäten
erkannt. Sie sind eigenständig, denn sie sind nicht nur die
"Abwesenheit" des anderen. Daher können wir die eine Qualität IN der
anderen wahrnehmen, z.B. eben das Herannahen der Kälte als
beginnendes Frösteln, auch wenn es (noch) warm ist. Oder das
Herannahen der Wärme als "Schutz vor der Kälte", auch wenn es (noch)
kalt ist. Das Yin-Yang-Symbol macht genau dieses "Ineinander zweier
Kräfte" durch die gegensätzlich gefärbten Punkte in den Symbolhälften
deutlich. Mit diesem Verständnis werden auch die Nuancen dieser
Energiequalitäten besser erfaßbar: Weshalb es (bei gleicher
Temperatur) z.B. eine Kälte gibt, die uns kaum frieren läßt, während
eine andere die "unter die Haut geht" oder gar "in die Knochen
kriecht". Oder umgekehrt, weshalb es (bei gleicher Temperatur) eine
Wärme gibt, die belebt, während eine andere "drückt" oder gar
"lähmt". Beobachten Sie "Wärme" und "Kälte" einmal als eigenständige
Energiequalitäten und Sie werden sehen, daß Ihnen Ihr tägliches
Erleben und Empfinden verständlicher wird. Übrigens auch bei der
Beobachtung seelischer "Wärme" oder "Kälte"...

Noch deutlicher wird die Eigenständigkeit der Gegensatzpaare jedoch
bei einem anderen Wechsel des Erlebens, den wir tagtäglich haben:
Nämlich dem Gegensatz "Ruhe und Aktivität". Auch hier läßt sich das
eine als die "Abwesenheit des anderen" mißverstehen, da wir jede
Qualität umso deutlicher wahrnehmen, je stärker der Kontrast zum
Gegenteil ist. Der indische Guru Osho (früher Bhagwan Shree Rajneesh)
nutzte diesen Effekt z.B. in seinen "dynamischen Meditationen", die
meist mit intensiver, sich bis zur Ekstase steigernden Bewegung
begannen, um dann plötzlich abzubrechen und in der Regungslosigkeit
die Erfahrung der Stille zu ermöglichen. Diese Meditationen sind
gerade auf uns Menschen im Westen zugeschnitten, die wir meist keine
"Kultur der Stille" pflegen und daher häufig von der "Kraft der Ruhe"
abgeschnitten sind. Das Resultat davon nennt sich übrigens "Streß"!
Durch den abrupten Wechsel von einem Extrem (ekstatische Bewegung)
zum anderen (völliges Stillhalten) gelingt es in diesen Meditationen
gerade Ungeübten besser, einmal innere Stille zu erleben. Die
Wahrnehmung einer bestimmten Energiequalität wird eben durch den
Kontrast zum Gegenteil deutlicher.

Dennoch ist auch bei "Ruhe und Aktivität" das eine nicht nur die
Abwesenheit des anderen. Gerade das wird bei der Praxis der o.g.
Meditation deutlich. Während der Wechsel von der Bewegung in die
Regungslosigkeit in manchen Fällen tatsächlich zu einer tiefen
inneren Stille und unendlichen Zeitlosigkeit führt, stürzt man in
anderen Fällen in ein lärmendes Rattern der eigenen Gedanken und eine
innere Unruhe, wie ein eingesperrtes Raubtier im Käfig. Von Stille
keine Spur. Die Abwesenheit des einen Gegensatzes führt also NICHT
AUTOMATISCH zum Erleben des anderen!

Und genau das erfahren wir im Alltag täglich: Wie oft freuen wir uns
auf den Abend, das Wochenende oder den Urlaub, wenn wir endlich von
der Hektik und Betriebsamkeit des Alltags Abstand nehmen können. Und
wie oft gelingt es uns dann doch nicht, "abzuschalten", wie oft
tragen wir die Hektik und Betriebsamkeit innerlich weiter? Wie oft
stellen sich Ruhe und Entspannung erst nach langer Zeit ein - gerade
wenn der Urlaub zu Ende geht... Es ist eines der größten
Mißverständnisse, zu erwarten, daß sich Ruhe und Stille einfach so
"einschalten", wenn wir mit unserer Aktivität nachlassen. Als wäre
Ruhe automatisch "da", wenn die Aktivität geht. Doch genau das
funktioniert meistens nicht! Denn auch "Ruhe" und "Aktivität" sind
eigenständige Qualitäten, die zwar im Gegensatz zueinander stehen,
aber jede für sich entwickelt und gepflegt werden wollen. Es gibt
gewissermaßen eine "Fähigkeit zur Aktivität" (ohne diese sind wir
träge) und eine "Fähigkeit zur Ruhe" (ohne diese sind wir rastlos).

Gerade weil diese beiden Qualitäten eigenständig sind, können wir
auch hier das eine im anderen erleben. So führt eine regelmäßige
Meditationspraxis z.B. zur Entwicklung einer beständigen inneren
Ruhe, die wir auch dann in uns tragen, wenn wir äußerlich aktiv sind,
selbst in hektischen Zeiten! Das Resultat ist dann deutlich weniger
"Streß". Oder umgekehrt kann das Entwickeln der "Fähigkeit zur
inneren Aktivität" helfen, aus Trägheit und Apathie, der negativ
empfundenen "inneren Leere" herauszukommen, die durch rein äußere
Aktivitäten oft nur überspielt, aber nicht überwunden werden kann.
"Innere Aktivität" wäre in diesem Fall zu übersetzen mit "aktiver
geistiger Beteiligung am Leben", im ausgeprägten Fall also mit
"Be-geist-erung".

Wenn wir "Ruhe" und "Aktivität" als eigenständige Qualitäten und
Fähigkeiten begreifen, von denen eine in der anderen wahrgenommen
werden kann, dann lassen sich daraus vier grundsätzliche Formen des
Erlebens (mit fließenden Übergängen) ableiten:

1. Ruhe in der Ruhe
(z.B. in einer stillen Meditation oder tiefen Betrachtung)
2. Ruhe in der Aktivität
(z.B. innere Gelassenheit in dynamischen Aktivitäten)
3. Aktivität in der Aktivität
(z.B. völliges Aufgehen in der Bewegung, Ekstase = griech. "das
Aus-sich-heraus-treten")
4. Aktivität in der Ruhe
(z.B. geistig-kreative Prozesse, das "Gebären einer Idee")

Jede dieser vier Formen des Erlebens ist im Grunde neutral, also
weder positiv, noch negativ. Positiv wird das Erleben, wenn es
unseren Wünschen und/oder den Anforderungen des Augenblicks
entspricht, z.B. wenn wir im Schlaf tatsächlich die gewünschte "Ruhe
in der Ruhe" (= Erholung) finden, oder aber die gewünschte "Aktivität
in der Ruhe" (= kreative Träume), die uns am Morgen mit neuen Ideen
erwachen läßt. Oder wenn es uns gelingt, bei der Arbeit die "Ruhe in
der Aktivität" zu wahren (streßfrei zu schaffen) oder am Abend bei
Sport und Tanz die "Aktivität in der Aktivität" (= den Rausch der
Aktion") zu erleben, das völlige Aufgehen in der Bewegung...

Negativ werden die vier Formen des Erlebens, wenn sie "unpassend"
auftreten, wenn die "Aktivität in der Ruhe" z.B. zur beständigen
inneren Unruhe wird und uns den Schlaf raubt. Oder wenn die "Ruhe in
der Aktivität" lähmend wirkt und wir morgens nicht in die Gänge
kommen.

Bei genauerem Hinsehen wird hierbei deutlich, daß wir alle vier
Formen des Erlebens als positiv empfinden, wenn wir sie wandeln
können, d.h. aus eigenem Antrieb von einem Erleben zum anderen
wechseln können. Umgekehrt erleben wir sie als negativ und mitunter
äußerst lästig, wenn uns diese Wandlungsfähigkeit fehlt und wir einem
bestimmten Erleben unterworfen sind, ob es uns paßt oder nicht.
Innere Balance und Gesundheit entstehen also durch Wandlungsfähigkeit
- eine Kernaussage der chinesischen Philosophie und Medizin!

Um diese Wandlungsfähigkeit zu erreichen, ist es ratsam, beide
Qualitäten als Fähigkeiten zu entwickeln: Die "Fähigkeit zur
Aktivität" (z.B. als Motivation, Begeisterungsfähigkeit, Tatkraft)
hängt dabei eng mit unseren Lebenszielen zusammen, mit dem Streben,
etwas bestimmtes zu erreichen (ist da kein solches Streben, keine
Motivation, dann haben wir möglicherweise vergessen, was wir
eigentlich wollten). Die "Fähigkeit zur Ruhe" (z.B. als innere
Sammlung, Gelassenheit, Geduld und Friedfertigkeit) hängt dabei eng
damit zusammen, ob wir die Situation, in der wir stehen, annehmen und
akzeptieren können (oder anders ausgedrückt: ob wir die Ablehnung
bestimmter Dinge loslassen können). Schon die bewußt beschlossene
Bereitschaft zur Akzeptanz und Hinwendung wirkt hier manchmal Wunder.

Beide Fähigkeiten lassen sich auch trainieren. Die "Fähigkeit zur
Aktivität" wird durch jedes sportliche Training oder jede kreative
Tätigkeit gestärkt, da wir durch die Wahrnehmung unserer
Leistungsfähigkeit und unserer kreativen Gaben Vertrauen in unser
Tun, in unsere schöpferische Tätigkeit gewinnen. Die "Fähigkeit zur
Ruhe" wird durch Meditation, stille Betrachtung, Naturbeobachtung,
schweigendes Gehen und vieles mehr gestärkt, eben jene "Kultur der
Stille", der wir - wie oben angedeutet - oft zu wenig Raum geben.

Sind wir zu beidem fähig, zur "Ruhe" ebenso wie zur "Aktivität", dann
ist es möglich, die "Balance von Yin (Ruhe) und Yang (Aktivität)" zu
finden bzw. diese beiden Qualitäten in jede Form des Erlebens zu
wandeln. Eine grundlegende und nachhaltige Möglichkeit, Streß und
Hektik abzulegen, Trägheit und Apathie zu überwinden sowie
Gelassenheit in der Aktivität zu wahren oder Kreativität aus Ruhe zu
schöpfen... Einfach glücklicher durch das Spiel des Lebens zu gehen.

Und natürlich gibt es auch Heilsteine, die uns bei der Entwicklung
unserer Fähigkeiten unterstützen und uns bestimmte Formen des
Erlebens erleichtern:

1. Ruhe in der Ruhe
(z.B. Achat, Aventurin, heller Amethyst, Lepidolith, Magnesit)
2. Ruhe in der Aktivität
(z.B. Bernstein, Bronzit, Chrysokoll, Dumortierit, Tigerauge)
3. Aktivität in der Aktivität
(z.B. Citrin, Feueropal, Malachit, Rhodochrosit, Rubin, Thulit)
4. Aktivität in der Ruhe
(z.B. dunkler Amethyst, Dioptas, Labradorit, Moldavit, Rosenquarz)

Für die Wandlungsfähigkeit an sich und damit die (dynamische) Balance
von Yin und Yang, den immer wieder herzustellenden Ausgleich von
Aktivität und Ruhe, darf natürlich die Jade nicht unerwähnt bleiben.
Da sie stets den "ungelebten" Anteil fördert und stärkt, kann sie zu
jeder Form des Erlebens beitragen - eben zu dem, was gerade gewünscht
und gebraucht wird. Daher steht Jade als "Stein der Harmonie" in der
chinesischen Tradition hoch im Kurs. Mineralogisch gesehen zählen zur
"Jade" die Mineralien "Jadeit" und "Nephrit". Eine gewisse
Ähnlichkeit in der Wirkung zeigt auch transparenter "Edelserpentin"
(mineralogisch "Antigorit"), der oft unter der leider etwas
irreführenden Bezeichnung "China Jade" im Handel ist.

Doch natürlich nehmen uns alle Heilsteine die eigentliche "Arbeit"
nicht ab. Sie unterstützen uns zwar in der Entwicklung unserer
Fähigkeiten, doch entwickeln, trainieren, ausprobieren und meistern
müssen wir sie schon selbst. Aber jeder Fortschritt macht Spaß, jede
Erweiterung unserer Fähigkeiten macht stärker, und wenn wir die
Balance von Ruhe und Aktivität einmal gefunden haben und immer wieder
herzustellen vermögen, wird das Leben leichter, fließender und
freier...

"Wer im Tun das Nicht-Tun erkennt
und im Nicht-Tun das Tun,
der ist wahrlich weise."

Taoistische Weisheit